WERNERS BLOG

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  Zeichnung: Wilhelm Busch


Samstag,
23. Mai 2020
Bericht vom Tage:

In einem Restaurant in Leer (Ostfriesland) haben sich sechs Gäste eines Restaurants mit Covid-19 angesteckt, in Frankfurt/Main mehrere Besucher eines Gottesdienstes.

Heißt das, wir werden ab jetzt mit Nachrichten dieser Art gefüttert: drei Infizierte gab es in einer Schule im Sauerland, zehn haben sich in einem Café in Berchtesgaden angesteckt, acht in einem Hotel im Schwarzwald, fünf bei einer Geburtagsfeier an der Ostsee ...?

Davor möchte ich bitteschön bewahrt bleiben. Umso mehr, als diese "Information" heute nicht in der Bild-Zeitung, sondern im seriösesten aller deutschen Radioprogramme verbreitet wird. Ich würde mir mehr Zurückhaltung bei dieser Art von Nicht-Nachrichten wünschen. Am Ende müsste man mit Entsetzen feststellen, Deutschlandfunk und Bild-Zeitung nähern sich in ihrem Niveau einander an.

(auch an den DLF geschickt)
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Mittwoch,
20. Mai 2020
Das Thema literarischer Übersetzungen interessiert mich seit Längerem. Es ist eine eigene Kunstform, und zwar eine überwiegend dienende. Worüber ich dabei immer wieder stolpere: werden amerikanische Autoren (vor allem aus den USA) ins Deutsche übertragen, heißt es in den meisten Fällen: übersetzt aus dem Amerikanischen von ...

Ich finde das sehr verwunderlich, bin ich doch der festen Überzeugung, dass in den Vereinigten Staaten überwiegend englisch gesprochen und geschrieben wird. Mag sein, man gebraucht dort ein etwas verändertes, gelegentlich (in der mündlichen Version) auch entstelltes Englisch, aber unzweifelhaft handelt es sich bei der dort verwendeten Sprache um Englisch, woran auch kein Mensch ernsthaft zweifelt, es sei denn, man ist Herausgeber einer deutschen Übersetzung. Dann erfindet man in der Regel eine neue Sprache, das Amerikanische.

Soweit so gut, man gewöhnt sich an Absonderlichkeiten. Was ich aber gestern im Büchermarkt, der täglichen Literatursendung des Deutschlandfunks gehört habe, hat mir doch die Sprache verschlagen. Es wurde ein Buch des russischen Autors Juri Buida vorgestellt, ein Roman mit dem Titel "Nulluhrzug". Die Besprechung fand ich Lust machend auf die Lektüre. Am Ende aber dann der Schock: Aus dem Sowjetischen übersetzt von Ganna-Maria Braungardt. Ich suche im Netz nach Angaben über die Übersetzerin und finde überall nur: sie habe die russische Sprache studiert.

Ein "Blick ins Buch" bei Amazon beruhigt den Blutdruck dann wieder. Im Buch steht: "Aus dem Russischen von ...". D.h., die rätselhafte Sprache "Sowjetisch" war offenbar doch nur einer momentanen Verwirrung der Radiomoderatorin geschuldet.

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Dienstag,
19. Mai 2020
Neulich im Garten Eden ...

Die Bilder entstanden am 16. Mai im Liliental am Kaiserstuhl
   
      Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum) inmitten von Acker-Wachtelweizen (Melampyrum arvense)
 
Zweiblättrige Waldhyazinthe (Platanthera bifolia) Helm-Knabenkraut (Orchis militaris) Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum) Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum)
Zweiblättrige Waldhyazinthe (Platanthera bifolia) Helm-Knabenkraut (Orchis militaris) Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum) Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum)
  Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum) inmitten von Acker-Wachtelweizen (Melampyrum arvense)
 
Pyramiden-Hundswurz (Anacamptis pyramidalis) Acker-Wachtelweizen (Melampyrum arvense) Zweiblättrige Waldhyazinthe (Platanthera bifolia) Brand-Knabenkraut (Neotinea ustulata)
Pyramiden-Hundswurz (Anacamptis pyramidalis) Acker-Wachtelweizen (Melampyrum arvense) Zweiblättrige Waldhyazinthe (Platanthera bifolia) Brand-Knabenkraut (Neotinea ustulata)
   
 
Affen-Knabenkraut (Orchis simia) Affen-Knabenkraut (Orchis simia) Weißes Waldvögelein
(Cephalanthera damasonium) Hummel-Ragwurz (Ophrys holoserica)
Affen-Knabenkraut (Orchis simia) Affen-Knabenkraut (Orchis simia) Weißes Waldvögelein (Cephalanthera damasonium) Hummel-Ragwurz (Ophrys holoserica)
   
      Entenmutter mit Jungen
      Und auch das gibt's im Garten Eden: eine entspannte Entenmutter, die Menschen auf einen Meter an ihre Jungen heranlässt.
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Sonntag,
10. Mai 2020
Die alten Tagebücher (53)

8. März 1981

Die Selbstfindungsbemühungen des Tagebuchschreibers erleiden immer wieder Rückschläge.
(...)

Komm, setz dich an den Tisch, ans Tagebuch, mach was aus den endlosen Selbstgesprächen. Redest doch am laufenden Band, und hast doch immer Hemmungen, was aufzuschreiben.

Viel zu viel redet in meinem Kopf und fast nichts davon schreibe ich auf.

Da hat mir z.B. die Claudia, die von hier ist, drei Stunden nach ihrem Weggehen wieder (!) die Idee in den Kopf gesetzt, dass man hier vielleicht Englischunterricht geben könnte. Auf allerlei Stufen, wie ich's mir eben wieder zutrau. Wissbegierige, aufgeschlossene Jugend, oder? Ein Beispiel von vielen, die mir bei mäßigem Bierkonsum durch den Kopf gehen. (Bei steigendem Bierkonsum schreib ich's dann auch auf!)

Aber meine größte Fähigkeit ist ja offensichtlich, Chancen zu vertrödeln, wie stell ich mich z.B. an mit der Holzspielzeuggeschichte: der zeitüberflüssige Winter ist fast schon wieder vorbei, und was hab ich gemacht: absolutely nothing!

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Sonntag,
3. Mai 2020
Alles neu macht der Mai ...

Alles? Es gibt noch Leute, die ihre alten Gesichter zeigen, und das sind nicht immer die schönsten. Zum Beispiel kehrt der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Herbert Diess, gerade ein Gesicht hervor, wie man es sich eher nicht wünscht. Er sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (zitiert auf finanzen.net), es brauche jetzt "... keine Grundsatzdiskussionen, sondern Fokus auf die Konjunktur und Tempo. Sonst rennt uns die Zeit davon".

Grundsatzdiskussionen, also Überlegungen, wie man die Gesellschaft angesichts der globalen Herausforderungen durch das Coronavirus und Klimawandel möglichst gerecht umbauen muss, will der Konzernchef nicht zulassen. Davor hat er (zu Recht) Angst. Dafür fordert er vom Staat Kaufprämien für Autos, aber – und jetzt kommts: nicht nur für Elektroautos. Alle Autokäufe sollen vom Staat subventioniert werden, damit die Branche so weitermachen kann wie bisher.

Zwar verlangt Diess auch eine Umstellung der Kfz- und Mineralölsteuer hin zur Besteuerung klimaschädlicher Emissionen sowie eine Erhöhung des CO2-Preises, stellt dieses richtige Ziel aber gleich wieder in Frage: Eine weitere Verschärfung der CO2-Emissionsziele (wie sie die EU-Kommission plant), bedürfe "schon noch mal der Diskussion".

Ich halte solche Wirtschaftsführer für eine größere Gefahr als Covid19 und den Klimawandel zusammen.



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Liebe Christine, alles Gute zum Geburtstag! (Dein E-Mail-Postfach ist verstopft)

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Dienstag,
28. April 2020
Man hat den Deutschen seit jeher Untertanengeist nachgesagt. Man könnte meinen, im Lauf der jüngeren Geschichte hätte sich dies erledigt, aber nein: auch Corona bringt diese Eigenschaft ans Licht, und aktuell sind es Lehrer- und Elternverbände, die sich in ihr üben.

Mein Radio berichtet heute, dass sich der Deutsche Lehrerverband (der möglicherweise auch die Lehrerinnen vertritt) darüber beklagt, dass die Kultusministerkonferenz (KMK) das Tragen von Nasen-Mund-Masken nicht vorgeschrieben, sondern lediglich empfohlen habe. Auch dem Bundeselternrat fehlt es an Klarheit und Verbindlichkeit. Dass die Länder und Schulträger bei der Umsetzung der Vorgaben einen Ausgestaltungsspielraum haben, missfällt den Organisationen.

Schulleitungen, LehrerInnen, Mütter und Väter sind nach Ansicht dieser Verbände offenbar zu doof um selber eine vernünftige und angemessene Entscheidung zu treffen. Der Deutsche braucht in allen Lebenslagen Vorschriften, damit er weiß, wie er sich zu verhalten hat. Das "Denken ohne Geländer" (Hannah Arendt) ist ihm unheimlich.

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Dienstag,
21. April 2020
Allenthalben werden wegen Corona größere und kleinere Veranstaltungen und Versammlungen in diesem Jahr abgesagt. Eine der größten regelmäßig stattfindenden Menschenansammlungen weltweit ist das Münchner Oktoberfest (vulgo Wiesn). Auch dieses Massenspektakel und Milliardenumsatz-Ereignis)* mit mehr als sechs Millionen Besuchern wird 2020 nicht stattfinden, wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter heute mit gewaltiger Trauer in der Stimme verkündet haben.

Außer in Kriegszeiten ist die Wiesn schon zweimal wegen einer Pandemie abgesagt worden, nämlich in den Jahren 1854 und 1873. Damals herrschte in Bayern die Cholera.
Was wird der gemeine Wiesnbesucher stattdessen in diesem Jahr machen? Wird er am Ende ins Home-Saufen gehen?

Schwere Zeiten für Familien scheinen heraufzuziehen.

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)* Umsatz 2018: 1,2 Milliarden Euro ( lt. Wikipedia)

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Sonntag,
19. April 2020
Wir stecken in der großen Epoche der Jägerei – der Jägerei auf Sündenböcke.

So steht es in "Bachthalener Predigt", einem Teil des Romans Der schnurgerade Kanal von Gerhard Meier (1977)

Heute höre ich im Radio, dass nach Donald Trump (von dem man es nicht anders erwartet) jetzt auch die Australische Regierung die Weltgesundheitsorganisation (WHO) angreift. Diese (und natürlich die Chinesen!) seien Schuld am Ausbruch der Coronaepidemie.

Der erwähnte "Bachthalener Predigt" aus Gerhard Meiers Roman ist eine Begründung, warum er, Meier, "sich zu den Christen geschlagen" hat, wie er es formuliert. Ich zitieren einen etwas größeren Abschnitt:

Einer der Gründe, warum ich mich zu den Christen geschlagen habe, ist: Ich mag das Haschen nach Wind)*.

Solches aber kann nicht jedermann genehm sein, das ist begreiflich. Besonders heute nicht, wo man Taten tut, quasi allgewaltige Taten.

Wo man das Tun, das kollektive vor allem, für fast ohne Grenzen wähnt. Mit anderen Worten: wo man an die totale Machbarkeit glaubt. Mit dem Effekt freilich, dass Passion, salomonisches Lernen eingetauscht werden gegen Verelendung.

Denn alles, was jetzt auch schiefgehen mag, muss falsch gemacht worden sein oder falsch gemacht werden. Somit sind Schuldige da, die man bezichtigen kann, zur Rechenschaft ziehen, auf die man Jagd machen kann. So steckt man in der großen Epoche der Jägerei – der Jägerei auf Sündenböcke. Man jagt und wird gejagt!116

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)* vgl. DER PREDIGER SALOMO bzw. DAS BUCH KOHELET 1,14 (und andere Stellen daraus)
116 MEIER, Gerhard: Der schnurgerade Kanal, in: Werke, 2. Band, Oberhofen am Thunersee, 2008, S. 266 f.
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Freitag,
17. April 2020
Die alten Tagebücher (52)

3. und 24. Februar, 5. März 1981

Zwar wurden die allerersten Grundlagen zur späteren Gärtnerlaufbahn im Sommer 1979 in Südfrankreich gelegt, die systematische Weiterbildung aber fand im Holzhäuschen im Aiblinger Moor statt.
3. Februar

(...)
Zehetmayr )* war wieder für eine halbe Stunde da. Der erstaunliche Mensch hat sich ein französisches Wörterbuch ausgeliehen. Er will uns Brennholz schenken. Er tut viel für uns, weiß viel Nützliches. Dafür will er Kontakt zu jemandem, der mehr als nur sein Dorf kennt.

Die Doppelfenster, die im Schuppen rumgestanden sind, lassen sich aufgeklappt hervorragend als eine Art Hochdach für das Frühbeet verwenden. Muß nur stabile Befestigung bauen und die Öffnungen vorne und hinten mit Plastikplane verschließen. Die Höhe bis zu den Firsten beträgt mindestens 1 Meter, also gut zur Anzucht größerer Pflanzen geeignet (Tomaten).

24. Februar

Befestigungen für das Glas auf dem Frühbeet angebracht. Habe kurzfristig mit dem Gedanken gespielt, ein neues Frühbeet an anderer Stelle zu bauen, die Kiefer wirft ziemlich viel Schatten. Lasse es jetzt jedoch so, wie es ist.

Die morschen Bretter an der SW-Seite unter dem Fenster ersetzt. Wenn man mal genauer hinschaut, merkt man, in welch miserablem Bauzustand das Haus ist. Überall löst sich das Betonfundament auf, faulen die Balken und Bretter. Bei solchen Entdeckungen bin ich immer froh, dass ich nicht der Eigentümer bin.

5. März

Bin ungeheuer frühlingsgeil zur Zeit. Prüfe jeden Tag, ob der Boden noch nicht weich genug zum Umgraben ist, und würde den März am liebsten im Ganzen überspringen. Ende dieses Monats wird es schon ganz anders aussehen: Der Garten umgegraben, Zwiebeln und Knoblauch gesteckt, die ersten Saaten im Frühbeet und: Hühner!

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)* Der Nachbarbauer (im Austrag)









Frühbeetabdeckung aus alten Fenstern


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Ostersonntag,
12. April 2020








Frohe Ostern trotz aller Einschränkungen! Und dass sich niemand einreden lässt, ein jeder Mensch sei eine tödliche Bedrohung für alle anderen Menschen. Das Gegenteil ist der Fall. Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe machen das Beste aus der gegenwärtigen Situation. Und dann wird am Ende auch diese Krise vielleicht etwas Gutes gehabt haben.
Kreativer Umgang mit dem Zeitgeschehen
      Kreativer Umgang mit dem Zeitgeschehen — bravo, Katharina!
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Freitag,
10. April 2020
Gerade habe ich noch die Politik gelobt, das scheint zu pauschal gewesen zu sein. Unser Außenminister Heiko Maas (von dem ich bisher eine eher positive Meinung hatte) ist der Ansicht, dass die nationalen Alleingänge zu Beginn der Coronakrise genau richtig gewesen seien. Wenn das wirklich so sein sollte, wirft das ein katastrophales Licht auf den Zustand Europas. Nur Staaten in einem zerstrittenen, in seiner Gemeinsamkeit gescheiterten Europa würden mit nationalen Maßnahmen besser fahren. Steht es schon so schlimm um die europäische Idee?

Aber eigentlich wollte ich auf einen anderen Punkt in Maas' Äußerungen am heutigen Tag hinweisen: Anfang März hatte die Bundesregierung ein Exportverbot von Schutzkleidung erlassen (in unsere EU-Nachbarländer, wohlgemerkt, nicht nach China oder in die USA), damit genug davon im eigenen Land bleibt. Auch das wirft ein Schlaglicht auf den Zusammenhalt in der Union. Das wurde nach Kritik der anderen Länder nach zwei Wochen rückgängig gemacht, der Gipfel aber ist, dass der Außenminister jetzt die deutsche Solidarität mit Europa dadurch hervorheben will, dass ein paar italienische Patienten hier behandelt würden und sieben Tonnen Hilfsgüter aus Deutschland nach Italien geschickt worden seien. Als ich das gehört habe, dachte ich, ich habe mich verhört. Hat er siebenhundert oder siebentausend Tonnen gesagt? Nein, die sieben Tonnen sind hier nachzulesen (ich hoffe immer noch, dass es ein Übertragungsfehler in der Nachrichtenredaktion war. SIEBEN TONNEN, das ist EIN KLEIN-LKW für das am schlimmmsten von der Virus-Pandemie betroffene Land Europas mit bisher 140.000 infizierten Menschen und 18.000 Toten. Das macht mich sprachlos.



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Donnerstag,
9. April 2020
Einer der bemerkenswertesten Beschlüsse der Politik zur wirtschaftlichen Hilfe für die von Corona gebeutelten Betriebe ist die Unterstützung der Einzel- und Kleinunternehmen. Das ist neu in der deutschen politischen Landschaft, die sich bisher mit der Rettung systemrelevanter Banken oder Großkonzerne hervorgetan hat (aber, zugegeben, es gab ja bisher auch kein Coronavirus). Man kann nur staunen, welche Summen da auf einmal lockergemacht werden.

Ich will jetzt aber nicht in den Chor der Klagen einstimmen, die sagen, hätten wir das nicht auch zur Bewältigung der Klimakrise (oder Flüchtlingselend usw.) auf die Beine stellen können (oder so ähnlich). Das werde ich ein anderes Mal tun. Nein, ausnahmsweise singe ich heute ein Loblied auf Politik und Verwaltung. Und warum?

Auch unser Kleinstbetrieb in der Kratzbürste, das Tagungshaus für Gruppen mit bis zu 14 Teilnehmern, wurde von den Einschränkungen der Reise- und Versammlungsfreiheit schwer getroffen. Wir hatten bis in den Spätsommer hinein für alle Wochenenden feste Buchungen, zwei Jahre nach der Wiedereröffnung (nach dem großen mehrjährigen Umbau) war der Betrieb jetzt wieder richtig in Fahrt gekommen. Für uns bedeutet das Tagungshaus überlebensnotwendige Einkünfte, um die Kredite, die wir für den Bau aufnehmen mussten, zurückzuzahlen, und auch Jobs im eigenen Haus hängen an der Tagungssätte.

Wir haben uns daher am Montag der vergangenen Woche, dem ersten Tag, an dem eine Soforthilfe für Unternehmen in Baden-Württemberg möglich war, für eine solche Hilfe angemeldet. Die bürokratische Hürde (notwendige Angaben, Berechnung der Einnahmeausfälle etc.) ist relativ gering. Entgegengenommen und bearbeitet werden die Anträge von den Industrie- und Handelskammern, bzw. den Handwerkskammern. Diese prüfen die Anträge und leiten sie an das hiesige Wirtschaftsministerium weiter. Dort wird noch einmal geprüft, zuletzt wird die Auszahlung veranlasst.

Wer sich mit den Gepflogenheiten deutscher Ämter, insbesondere der Behandlung von Anträgen (vor allem wenn es um Geld geht) auskennt, rechnet mit Monaten, bis eine Entscheidung fällt. Nicht so in diesen Zeiten: eine Woche, nachdem wir den Antrag losgeschickt hatten, war das Hilfsgeld in genau der Höhe, die wir berechnet und beantragt hatten, auf unserem Konto. Klar, mit dem Hinweis: Vorläufige Zahlung, Bescheid folgt (der ist noch nicht eingetroffen).

Das ist nicht nur rekordverdächtig, es ist schlicht umwerfend, was auf einmal möglich ist. Das gab es bisher in Deutschland (und vermutlich auch in anderen Ländern) noch nie.

Man kann nur staunen. Und daher bedanken wir uns bei all denjenigen, die diese schnelle Hilfe durch ihre Arbeit und ihre unverzüglichen Entscheidungen zustandegebracht haben.

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Freitag,
3. April 2020
In diesen seltsamen Zeiten erreicht mich tätige Nächstenliebe in unterschiedlichen Formen:

Erstens die selbstgenähte Schutzmaske (vielen Dank, Katharina!). Zusammen mit Mütze ist sie hervorragend zur Tarnung bei etwaigen Überfällen geeignet. Wenn allerdings fast alles geschlossen ist, muss man sich gut überlegen, wo man noch hingehen kann zum Überfallen. Apotheken? Klopapierhändler?

Zweitens in Form blendender Wortspiele und -schöpfungen (vielen Dank, Ingeborg!): Der Mensch, der sich gerne als Krone der Schöpfung sieht, hat nun seinen Bezwinger gefunden, ausgerechnet mit dem Namen Corona. Sozusagen von der Krone zur Corona der Schöpfung.

Hilfe zur Selbsthilfe: Überfallausrüstung
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Dienstag,
31. März 2020
Zum Monatsende KEIN Corona-Beitrag, stattdessen wieder Erheiterndes aus den alten Tagbebüchern (erheiternd aber nur aus der großen zeitlichen Distanz).

Das Leben im Moor im Winter hat teilweise extreme Züge angenommen.



  Die alten Tagebücher (51)

1. Februar 1981


(...)

Die Kohlen waren wieder eine Tragödie für sich: Lieferung bis zur Hütte*, dann die Ketten auf den Volvo und jeweils ein paar Säcke hinterfahren. Beim Umdrehen an der Hütte bleibt das Auto samt Ketten hoffnungslos stecken. Ein Nachbarsjunge kommt mit dem Traktor, der Z. ist dabei, g'schaftig, der Traktor bricht ein, fast einen Meter in ein Loch, wo die Jungs früher ihr Bier unter dem Bretterboden gekühlt haben, jetzt bei dem Schnee nicht zu sehen - Grand Malheur!

Riesenglück, da hätte Schlimmes passieren können, Traktor ist zum Glück nicht ganz umgekippt. Bub geht heim, holt zweiten Traktor, große Erleichterung, es klappt, Traktor wieder heraussen, Volvo wieder heraussen, Stress, Angst, alles wieder vorbei. Alles wegen den Scheiß-Kohlen.

(...)


___________

* Unser Häuschen lag ca. 300 Meter von der Straße entfernt, erreichbar über einen einfachen Feldweg. Auf halbem Weg befand sich ein (verlassener) Schuppen, den sich die Dorfjugend früher zum Feiern ausgebaut hatte (hieß bei uns auch "die Disco").


Im Eintrag desselben Tages findet sich noch folgendes Rezept (ich sollte es mal wieder ausprobieren):

Fisch mit Meerrettichkruste (f. 4 Personen):

Zutaten:

Fischfilets (Seelachs, Kabeljau, Goldbarsch usw.) für 4 Personen (500 – 800 gr.)
Champignons (200 – 300 gr.)
Zwiebeln, Zitrone, Salz, Pfeffer, Paprika, Petersilie, Butter, Brühe (Würfel, Extrakt), Senf, 4 Eßl. Meerrettich, Semmelbrösel

Zwiebeln schälen, hacken, Butter erhitzen, Zwiebeln darin glasig braten, dazu kleingeschnittene Champignons geben, mit anbraten.
Zwiebeln + Champignons in feuerfeste Form geben.
Fischfilets mit Zitronensaft beträufeln u. mit Salz, Pfeffer, Paprika würzen, etwas ziehen lassen.
Fisch auf die Champignons geben, mit Petersilie bestreuen.
Butter mit Fleischextrakt (Würfel), Senf, Meerrettich mischen und in Flöckchen auf dem Fisch verteilen.
Semmelbrösel draufstreuen
Ca. 25 Min. im Backofen garen.
Dazu: Petersilienkartoffeln, Salat.

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Donnerstag,
26. März 2020
Haltet Abstand zueinander!, lautet das Gebot der Stunde, das auch der Bundespräsident heute Morgen in den Mund genommen hat. Wer sich schon vor 170 Jahren diesen Grundsatz zu eigen gemacht hat, war Arthur Schopenhauer (1788-1860), den man als echten Misanthropen kennt.

1851 hat Schopenhauer die Fabel von den Stachelschweinen in seinen Parerga und Paralipomena: kleine philosophische Schriften veröffentlicht:

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nah zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.

So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! – Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden.

Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.115


Arthur Schopenhauer
      Arthur Schopenhauer, Daguerrotypie von 1852
     

115 zitiert nach: Projekt Gutenberg
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Freitag,
20. März 2020
Allerorten werden drastische Einschränkungen der individuellen Bewegungsfreiheit verordnet: keine Versammlungen, keine Veranstaltungen usw. Zuhausebleiben lautet die Devise.

Ich sehe Anlass, den französischen Mathematiker und Philosophen Blaise Pascal (1623-1662) zu zitieren:

Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.
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