WERNERS BLOG

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  Zeichnung: Wilhelm Busch


Dienstag,
22. Januar 2019
Am kommenden Sonntag, dem 27. Januar, wird in unserer Gemeinde wieder einmal über die Windkraft abgestimmt ( siehe meinen Eintrag vom 24.9.17). Dieses Mal haben die Gegner der Windkraft die Abstimmung beantragt. Sie wollen einen Gemeinderatsbeschluss vom Juni vergangenen Jahres aufheben lassen, der den Abschluss eines Vertrags mit der Fa. Enercon vorsieht und den Bau von zwei Windkraftanlagen auf dem Gebiet der Gemeinde ermöglichen soll. Die Argumente für und gegen die Windräder hat die Gemeinde in dieser Broschüre (rechts) aufgeführt und erläutert. Die Mehrzahl der Gemeinderatsmitglieder sowie der Bürgermeister von Münstertal stehen nach wie vor zu dem Beschluss.

Im Tal wachsen seit Monaten immer mehr kleine bunte Windrädchen an den Straßenrändern, großenteils von Kindern und Jugendlichen gefertigt, die den Bau der Windkraftanlagen im Münstertal willkommen heißen.



      (Link zur Broschüre der Gemeinde Münstertal)
 
       
   
 
       
   
 
       
   
 


Gleichzeitig hört man, dass im soeben unterzeichneten neuen deutsch-französischen Freundschaftsvertrag auch die Schließung des antiken elsässischen Atomkraftwerks Fessenheim zum hundertsten Mal beschlossen wurde.
  Atomkraft? Nein danke
 
AKW Fessenheim
AKW Fessenheim, Projektbeginn 1970, Inbetriebnahme 1978
(Quelle: Florival fr - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link)
   
 


Münstertäler, geht am Sonntag zur Abstimmung und entscheidet euch für den Wind!


   
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Dienstag,
15. Januar 2019
Es stehen noch die Auszüge aus "Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde" aus, wie der volle Titel des Romans von Raoul Schrott lautet. Dieses Buch kreist um die Insel im Südatlantik, die als die abgelegenste menschliche Siedlung der Welt gilt. Raoul Schrott verwebt historische Fakten aus verschiedenen Jahrhunderten seit der Entdeckung der Insel im Jahr 1506 bis in die Gegenwart mit in großartiger Sprache erzählten Liebesgeschichten.

Im ersten Zitat spricht Mark Thomson, "Mitte Fünfzig und Briefmarkenhändler, der anhand seiner Sammlung die Geschichte der Insel in einem epischen Panorama rekonstruiert, damit aber auch die Geschichte seiner gescheiterten Ehe, in einer Parabel von Eifersucht und Sehnsucht" (so charakterisiert der Autor selber seine Figur). Thomsons Frau trägt – wie alle Frauen des Buches, deren Rolle die einer sehnsüchtig Geliebten ist –, den Namen Marah, ein Bezug auf eine Stelle im biblischen Buch Rut: Sie aber sprach zu ihnen: Nennt mich nicht Noomi, sondern Mara; denn der Allmächtige hat mir viel Bitteres angetan. (Rut 1,20). (Eine weitere Figur im Buch ist die Wissenschaftlerein Noomi Morholt.) Martha ist Thomsons Tochter, die er durch die Trennung verliert.
In Marthas Zimmer höre ich die alte hölzerne Uhr schlagen, in deren Gehäuse sie alles mögliche versteckte, alles, was ihr des Bewahrens wert schien, ihr Ton dumpf, das Regelmaß meiner Zeit, die durch ein Gewicht bestimmt wird, das auf vorhersagbare Weise herabsinkt, all die Schwere der Sehnsucht nach meiner Tochter. Was die Räder antreibt, den Zeiger dreht, ist sein Fallen; doch um die Zeit abzulesen, muss man es so regulieren, dass der Schwere bloß Schritt um Schritt nachgegeben wird, die Zähne einer nach dem anderen sich weiterdrehen, eine kleine Klammer in sie eingreift: die Hemmung.

Sie ist die eigentliche Mitte aller Zeit, unsichtbar unter dem Zifferblatt dieser ewig gleichen Stunden, diesem einen Kreis meines Purgatoriums, den die Zeiger Tag um Tag beschreiben. Bereits ihren Namen zu schreiben verengt mir den Hals, nimmt mir allen Atem; ich sehe Marah in ihr und in ihr Martha, und fühle mich schuldig, weil ich trotzdem spüre, dass mein Schmerz um Marah größer ist. Kann man als Vater Schrecklicheres sagen? Und dennoch, oder gerade deshalb, verwinde ich es nicht, dass ich meine kleine Martha nicht mehr um mich habe. Es ist eine Verzweiflung in mir, hart und unzugänglich; und ich verstehe sie nur, wenn ich sie auch an meinen Figuren durchlebe, erst dann. Diese Verzweiflung gesellt sich zu ihnen, sie ist das Dunkle ihrer Silhouetten, das einzige, was ihnen in ihren Kreisen Stofflichkeit verleiht. Die Vorwürfe, die ich mir mache, sie nähren die Flammen, in denen sie zu stehen haben, in denen sie zugrunde gehen wie Cotton und seine zwei Söhne, diese gänzlich ausgelöschte Familie, die achte auf dieser Insel, die einzige, deren Name nicht weiterlebt wie jene der anderen sieben. Sie ist der Inbegriff einer Sünde, die nicht in dem Verfehlen eines gottgefälligen Zieles steckt, in keinem schuldhaften Ungehorsam und keinem menschlichen Irrtum; in ihr verkörpert sich jene Schuld, die GOtt den Menschen aufbürdet, indem ER sie für sich büßen lässt wie einst Hiob.

Der eigentliche Sündenfall aber, er liegt in der Zeitlichkeit allen Seins. Der Urgrund aller Sünde liegt darin, dass jede menschliche Tat eine Empörung gegen GOtt darstellt, weil sie auf ihrer Zeitlichkeit besteht - während es IHn in SEiner Unendlichkeit nicht betrifft. Des Menschen Schwäche ist vor SEinen Augen deshalb auch keine Entschuldigung.103
Das zweite der ausgewählten Zitate ist ein Auszug aus einem (von R. Schrott erdachten) Brief einer historischen Figur, des Reverends Edwin Heron Dodgson (1846 – 1918), der, wie der Autor die Figur beschreibt, "im 19. Jahrhundert die Siedler auf Tristan missionieren soll, ein Verhältnis mit einem Mädchen beginnt und sich dabei tief in Schuld verstrickt." (Auch dieses Mädchen trägt den Namen Marah.) Dodgson spielt hier auf die "Lifeboat Tragedy" im Jahr 1885 an, bei der 15 der 19 erwachsenen männlichen Bewohner der Insel ums Leben kamen.
Und plötzlich stehen mir dabei die Gesichter all der verschollenen Männer vor Augen, als prüften sie mich mit ihren toten Blicken, sie, die ich zuvor kaum je als Personen wahrgenommen hatte, weil sie keine eigene Geschichte besaßen, nur die ihrer Insel; Jacob, Jeremiah und William Green, Joseph, William Henry, Charles und Andrew Hagan junior; die jungen William Peter und John Alexander Green; der eitle Plapperaffe Swain und Thomas Glass, der mich auf die Südspitze der Insel mitnahm, zum Stony Hill, eine grob versteinerte Blase, scharfkantig schwarze Lavablöcke, über die wir hinaufstiegen, um in den Krater zu sehen, der kaum älter als ein paar hundert Jahre sein konnte, bloß Flechten und Moos hatten sich bis jetzt am Gestein festsetzen können. Rund um ihn aber hatte sein Vater Apfelbäume gepflanzt, inzwischen verwilderte, ein Hain aus urvordenklicher Zeit, aus dem Geröll wachsend. Es muss auf dieser Bootsfahrt gewesen sein, als wir beim Sammeln der galligen Früchte Pause machten und das mitgebrachte Essen verzehrten, dass Joshua mir von seiner Liebe zu Marah erzählte, wissen wollte, wie man als Christ die Liebe, wo sie sich doch nur auf den Leib richtet, als wahr erkennt, ich aber bloß halbherzige Worte für ihn fand.

Ja, vor allem Anfang steht Täuschung und Betrug. Auch Adam, beschämt über seine Tat, versuchte Gott zu täuschen und versteckte sich mit Eva im hüfthohen Gras. Entdeckt und entlarvt dann, gestand er den Bruch seines Versprechens ein, nicht an verbotene Früchte zu rühren, gab ihr die Schuld. Sie wiederum zeigte mit anklagendem Finger auf die Schlange, die sie getäuscht und überredet hatte, von der Frucht zu kosten. Denn was hatte die Schlange zu Eva gesagt: dass die Drohung Gottes nur Täuschung sein konnte, sie an der Frucht nicht sterben, sondern ihnen ganz im Gegenteil die Augen geöffnet und sie Gott gleich werden würden, wie Er dann fähig, Gut und Böse zu erkennen. Und ja, die Schlange war ehrlicher als Gott, ja sie hatte nicht gelogen, die Schlange hatte als einzige die Wahrheit gesagt.104

Die Bewohner von Tristan da Cunha betreiben eine Homepage, die informativ über die Geschichte der Insel und das Leben ihrer Menschen berichtet. Viele Einzelheiten, die Raoul Schrott in wunderbarer Sprache beschreibt, findet man dort wieder.

103 SCHROTT, Raoul, Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde, Frankfurt am Main 2003, S. 411 f.

104 a.a.O., S.465 f.
 
      Tristan da Cunha
      Tristan da Cunha ( 37° 6′ S, 12° 17′ W)
Quelle: tristandc.com
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Samstag,
12. Januar 2019
Heute die versprochenen Textauszüge aus Erich Kästners "Gang vor die Hunde" ( s.u., 10. Januar)

Fabian entdeckt in einer Bibliothek Descartes' Betrachtungen über die Grundlagen der Philosophie", die er seinerzeit als Student durchgearbeitet hatte.
Er setzte sich und schlug das Heft auf. Was hatte Descartes ihm mitzuteilen? "Schon vor Jahren bemerkte ich, wieviel Falsches ich von Jugend auf als wahr hingenommen hatte und wie zweifelhaft alles sei, was ich später darauf gründete. Darum war ich der Meinung, ich müsse einmal im Leben von Grund auf alles umstürzen und ganz von vorn anfangen, wenn ich je irgend etwas Festes und Bleibendes aufstellen wolle. Dieses schien mir aber eine ungeheure Aufgabe zu sein, und so wartete ich jenes reife, für wissenschaftliche Untersuchungen angemessene Alter ab. Darum habe ich so lange gezögert, dass ich jetzt eine Schuld auf mich laden würde, wenn ich die Zeit, die mir zu handeln noch übrig ist, mit Zaudern verbringen wollte. Das trifft sich nun sehr günstig. Mein Geist ist von allen Sorgen frei, und ich habe mir eine ruhige Muße verschafft. So ziehe ich mich in die Einsamkeit zurück und will ernst und frei diesen allgemeinen Umsturz aller meiner Meinungen unternehmen."101



"Ich liebe das Leben", gestand der Alte und wurde fast verlegen."Ich liebe das Leben erst recht, seit ich arm bin. Manchmal könnte ich vor Freude in den Sonnenschein hineinbeißen oder in die Luft, die in den Parks weht. Wissen Sie, woran das liegt? Ich denke oft an den Tod, und wer tut das heute? Niemand denkt an den Tod. Jeder lässt sich von ihm überraschen wie von einem Eisenbahnzusammenstoß oder einer anderen unvorhergesehenen Katastrophe. So dumm sind die Menschen geworden. Ich denke täglich an ihn, denn täglich kann er winken. Und weil ich an ihn denke, liebe ich das Leben. Es ist eine herrliche Erfindung, in Erfindungen bin ich sachverständig."

"Und die Menschen?"

"Der Globus hat die Krätze", knurrte der Alte.

"Das Leben lieben und zugleich die Menschen verachten, das geht selten gut aus", sagte Fabian und stand auf.102



101 KÄSTNER, Erich, Der Gang vor die Hunde, Zürich 2018, S. 38; Das Zitat von René Descartes stammt aus seinen "Betrachtungen über die Grundlagen der Philosophie" und kann im Projekt Gutenberg nachgelesen werden: http://gutenberg.spiegel.de/buch/betrachtungen-uber-die-grundlagen-der-philosophie-326/4

102 a.a.O., S. 115 f.
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Allen Lesern und Leserinnen meines Blogs danke ich für die aufmerksame Begleitung meines Blogs und wünsche ihnen
ein glückliches Neues Jahr 2019
   
 
 
Donnerstag,
10. Januar 2019
Mein neues Jahr fängt – natürlich – mit der Lektüre von Büchern an. Drei von ihnen möchte ich erwähnen und Zitate daraus vorstellen. Es handelt sich um zwei schon etwas ältere Bücher: "Berittener Bogenschütze" von Brigitte Kronauer aus dem Jahr 1986 und "Der Gang vor die Hunde" von Erich Kästner (1931), sowie um "Tristan da Cunha" von Raoul Schrott von 2003.

Bei Erich Kästner wird sich vielleicht mancher fragen, wie es kommt, dass er/sie von diesem Roman noch nie etwas gehört hat, wo Erich Kästner doch ein sehr bekannter Autor ist. Des Rätsels Lösung: 1931 erschien der Roman in gekürzter Fassung unter dem Titel "Fabian". Der Verlag (Deutsche Verlagsanstalt, damals Stuttgart) konnte und wollte 1931 einige Passagen und sogar ein ganzes Kapitel nicht abdrucken – die Verhältnisse, sie waren nicht so. Zwei Jahre später haben die Nazis Kästners Bücher öffentlich verbrannt.

2013 hat der Schweizer Verlag Atrium (1935 gegründet um Erich Kästners Bücher zu veröffentlichen) den Roman in einer restaurierten Fassung neu herausgegeben, jetzt auch unter dem von Kästner vorgesehenen ursprünglichen Titel "Der Gang vor die Hunde".


  Zitate aus dem Roman Berittener Bogenschütze von Brigitte Kronauer:
Er kam am städtischen Hallenbad vorbei, es roch bis zu ihm hin nach feuchter Luft und Chlor, dass sich ihm die Haare aufrecht stellten. Trotzdem atmete er hier, um den Becher bis zur Neige zu leeren, besonders tief ein. Das also war eine ihrer Vereinigungsstätten! Da krebsten sie, schnaufend, kreischend vor Wonne, mit einem Gummiband am Handgelenk, alle im selben Element, traten sich mit harten Fersen in die Weichteile, pinkelten geschickt vor sich hin, schluckten Wasser und rotzten zurück, kehrten mit Fußpilz oder Erkältung vom Gemeinschaftserlebnis heim und stanken für den Rest des Tages. Wie fühlten sie sich aber dabei? Fit! 99


Er kam an den Villen mit ihren verschnörkelten Eingängen vorbei, mit gebuchteten Balkons, mit Vorgärten, größer als mancher Schrebergarten und voller Narzissen. Hinter den alten, stabilen Mauern bemühten sich die Insassen um den Vollzug eines glücklichen Lebens, wie es der stolzen Aufmachung ihrer Häuser entsprach.100
  99 KRONAUER, Brigitte, Berittener Bogenschütze, München 2007, S. 188

100 a.a.O., S. 193/194
  Die Zitate aus den Büchern von Erich Kästner und Raoul Schrott folgen demnächst.


Zuvor aber noch Bilder aus dem Fenster, hier gibt es auch Schnee, wenn auch nicht so viel wie in Bayern. Immerhin reicht es, um aus dem Schwarzwald einen Weißwald zu machen. Oder auch nur einen Grauwald.


  Grauwald Weißwald  
9.1.19: Grauwald 10.1.19: Weißwald
   
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